Auf dieser Seite werden wir fortlaufend neue Studien, Beiträge und Fachartikel aus den Forschungsfeldern der Verbraucherpolitik und des Behavioral Policy-Making vorstellen und verlinken.

Behavioral Economics & Policy-making (allgemein)
  1. Daniel Kahneman/Amos Tversky (1979): Prospect Theory: An Analysis of Decision under Risk. In: Econometrica 47(2), 263-292 (Grundlagenartikel, der die Argumentationslogik der sogenannten Prospect-Theorie darlegt. Menschen handeln Kahneman und Tversky zufolge auf der Basis von Komplexitätsreduktion. Fehlende Informationen werden durch bereits vorhandene Urteilsstrukturen ersetzt. Somit wird erklärt, weshalb Menschen mitunter Entscheidungen treffen, die sich auch gegen ihre objektiven Interessen richten können. Aus Sicht der Verbraucherpolitik ist die Prospect-Theorie ein Erklärungsschema, mit dem irrationales Konsumentenhandeln begreiflich wird.)
  2. Daniel Kahneman (2012): Thinking, Fast and Slow. Penguin Books (Dieses Buch fasst die über mehrere Jahrzehnte reichenden Arbeiten von Kahneman anhand instruktiver Beispiel und in anekdotischer Stilistik zusammen. Dargestellt wird auch die symbiotische Arbeitsbeziehung zu Kahnemans Kollegen Amos Tversky).
  3. Cass Sunstein/Richard Thaler (2008): Nudge. Improving Decisions About Health, Wealth, and Happiness. Yale University Press (Referenzwerk, in dem die Autoren ihr Verständnis des Begriffs „Nudging“ darlegen und zugleich konkrete Politikvorschläge für die Felder der Gesundheits- und Verbraucherpolitik formulieren. Popularität erhielt das Buch, da Sunstein durch aktive Politikberatung der US-Regierung einige seiner Vorschläge einem Praxistest unterziehen konnte.)
  4. Richard Thaler/Cass Sunstein (2003): Libertarian Paternalism. In: The American Economic Review 93(2), 175-179 (Grundlagenartikel, in dem die Autoren ihr Verständnis des sogenannten „libertären Paternalismus“ vorstellen. Entgegen einem kontinentaleuropäischen Verständnis von Libertarismus, der also Ablehnung jeglicher staatlicher Intervention in Wirtschaft und Gesellschaft verstanden wird, begründen Thaler und Sunstein, dass Staatsintervention und individuelle Freiheitsrechte in modernen Gesellschaften untrennbar verkoppelt sind. Aufgabe des Staates sei es demnach, rechtliche und politische Grundlagen zu garantieren, in denen Individuen autonom handeln können. Das heißt, ohne von außen gesetzte Rahmenbedingungen ist kein Wirtschaften und Konsumieren möglich. Entgegen der Idee eines libertären Kapitalismus, der Regulierung und Gesetze ablehnt, fordern die Autoren punktuelle Eingriffe, um die Individuen vor schädlichen und kostenverursachenden Folgen zu bewahren. Der Artikel legt zugleich die wirtschaftspolitischen Prämissen der Autoren offen.)
  5. Steven Levitt/John List/Susanne Neckermann/Sally Sadoff (2016): The Behavioralist Goes to School: Leveraging Behavioral Economics to Improve Educational Performances. In: American Economic Journal: Economic Policy  8(4), 183-219, DOI: 10.1257/pol.20130358 (Neuere Anwendung verhaltenswissenschaftlicher Untersuchungsanordnung in einem Feldexperiment, um die Änderung des Lernerfolgs von Schülern zu überprüfen. Wird der Lernerfolg unmittelbar belohnt, steigert sich das zugrundeliegende Testresultat. Unterschiede in der Belohnungsform (materiell/immateriell) geben bei älteren Jahrgängen einen relevanten Ausschlag. Insgesamt wird gezeigt, dass unmittelbare Anreize das Lernverhalten positiv stimulieren. Implikationen für den Aufbau von Prüfungen und die Anwendung von Testarchitekturen in Erwachsenen- und Weiterbildung machen diesen Artikel auch aus verbraucherpolitischer Sicht interessant.)
  6. George Akerlof (1970): The Market for „Lemons“. Quality Uncertainty and the Market Mechanism. In: Quarterly Journal of Economics 84(3), 488-500 (Ein inzwischen klassischer Artikel, der das Grundprinzip der Idee asymmetrischer Information darlegt. Akerloff argumentiert, dass Käufer auf Gebrauchtwagenmärkten nicht zureichend zwischen guten, gebrauchsfähigen und schlechten, minderwertigen Gebrauchtwagen unterscheiden können. Die Anbieter der Gebrauchtwagen verfügen über eine wesentlich bessere Informationslage was die Beschaffenheit der Wagen anbelangt. Die Käufer sind sich ihrer unklaren Situation bewusst und passen ihr Verkaufsverhalten an. Infolgedessen sind sie nicht bereit mehr Geld für einen Gebrauchtwagen zu bezahlen, obwohl dieser technisch tatsächlich besseren Standards entspricht und einen höheren Kaufpreis rechtfertigt. Die Verkäufer wiederum registrieren diese Unsicherheit und ziehen nach und nach bessere Fahrzeuge vom Gebrauchtwagenmarkt ab, sodass endlich in der Mehrzahl nur minderwertige Wagen verbleiben, sogenannte „Lemons“. Der Artikel, der ursprünglich auf weite Skepsis in der Forschungslandschaft stieß, stellt heute die Grundlage für das Handeln auf Märkten mit ungleicher Informationslage der Akteure dar und ist in vielen Fallbeispielen angewandt und getestet worden. Obwohl nicht dezidiert verhaltensökonomisch motiviert, bietet er mit der Einbeziehung von Wissen in Kaufsituationen eine zentrale Grundlage für verhaltenswissenschaftlich argumentierende Beiträge.
Verbraucherpolitik
  1. Peter Kenning/Andreas Oehler/Lucia Reisch/Christian Grugel (2017) (Hrsg.): Verbraucherwissenschaften. Rahmenbedingungen, Forschungsfelder und Institutionen. Wiesbaden: Springer VS (Handbuch, das den neuesten Stand der Erkenntnisse im Forschungsfeld der Verbraucherpolitik aufarbeitet. Renommierte AutorInnen bieten einen Überblick über aktuelle Fragestellungen, Akteure und Handlungsressourcen. Das Handbuch richtet sich dezidiert an Wissenschaftler, Medienvertreter und verbraucherpolitische Akteure).
  2. Jörn Lamla (2013): Verbraucherdemokratie. Politische Soziologie der Konsumgesellschaft. Berlin: Suhrkamp (Eine politikwissenschaftliche Arbeit, die das Forschungsfeld der Verbraucherpolitik in einen allgemeinen gesellschaftlichen Kontext stellt und die Bedeutung von veränderten sozialen Leitbildern des Konsums diskutiert. Lamla argumentiert, dass die Idee des Gemeinwohls auf veränderten wirtschaftlichen und soziologischen Rahmenbedingungen basiert und eine Politisierung des Konsums nicht zuletzt vor dem Hintergrund neuer Geschäftsideen verstanden werden muss. Aus Sicht der Verbraucherforschung nimmt das Buch eine aufklärende Funktion ein und spricht sich für stärkere politische Beteiligung und Bildung von Konsumentinnen aus.)
  3. Drazen Prelec/Duncan Simester (2001): Always Leave Home Without It: A Further Investigation of the Credit-Card Effect on Willingness to Pay. In: Marketing Letters 12(1), 5-12, DOI: 10.1023/A:1008196717017 (Klassischer Artikel, der sich mit der Beeinflussung des  Verbraucherhandelns durch Einführung bargeldloser Zahlungsmittel beschäftigt. Die Idee: Verwenden Verbraucher Kredit- oder EC-Karten, steigt ihr Ausgabeverhalten mitunter beträchtlich. Für das exzessive Konsumverhalten und die Überschuldung von Privathaushalten sind diese Erkenntnisse fundamental.)
  4. Steven Levitt/Chad Syverson (2008): Market Distortions When Agents Are Better Informed: The Value of Information in Real Estate Transactions. In: The Review of Economics and Statistics 90(4), 599-611, DOI: 10.1162/rest.90.4.599 (Aufbauend auf der Idee asymmetrischer Information zwischen einem Immobilienhändler und einem verkaufswilligen Kunden wird am Beispiel des US-amerikanischen Immobilienmarktes dargestellt, wie einerseits der Verkauf einer Immobilie zu früh und daher mit einem zu niedrigen Marktpreis erfolgt und andererseits die Verkaufsprämie für den Händler künstlich erhöht wird. Der Artikel schließt mit dem Vergleich einer eigenständig verkauften Immobilie gegenüber der Beauftragung eines Maklers und ist daher auch aus Sicht der Verbraucherforschung von wesentlicher Bedeutung.)
  5. Benjamin Barber (2008): Consumed. How Markets Corrupt Children, Infantilize Adults, and Swallow Citizens Whole. New York: W. W. Norton (Barber, der als Politikwissenschaftler eine abweichende Perspektive zur Verhaltenswissenschaft einnimmt, kritisiert in diesem Buch die Infantilsierung des Verbrauchers durch Marketing, Werbung und neu geschaffene Bedürfnisse. An Stelle eines öffentlich zugänglichen und ergebnisoffenen Diskurses müssten Individuen wiederkehrend ‚künstliche‘ Wahlhandlungen des Konsums treffen. Im Ergebnis würde der mündige Staatsbürger zu einer Verbrauchsfigur degradiert, was nicht mit demokratischen Idealen vereinbar sei. Barber bietet damit einen Kontrast zur steuerungsoptimistischen Sicht etlicher verhaltenswissenschaftlich informierter Beiträge).
Gesundheitspolitik
  1. John Donohue/Steven Levitt (2001): The Impact of Legalized Abortion on Crime. In: Quarterly Journal of Economics 116(2), 379-420 (Inzwischen klassischer Artikel über den negativen Zusammenhang von Schwangerschaftsabbrüchen, der Legalisierung von Abtreibungen und der allgemeinen Entwicklung der Kriminalitätsrate. Anhand eines eigenständigen Datensatzes testen die Autoren die Hypothese, dass Abtreibungen in bestimmten sozialen Umwelten starker Diskriminierung unterliegen und folglich eher unterbleiben. Dies könne dazu führen, dass Mütter in sozialen Brennpunkten Kinder zur Welt brächten, die mit hoher Wahrscheinlichkeit in die Kriminalität gerieten. Wo hingegen Abtreibungen legalisiert seien, würde der Konformitätsdruck sinken und Mütter sich weitaus eher zu Schwangerschaftsabbrüchen entscheiden und somit (indirekt) für eine Abflachung der Kriminalität sorgen. Ein provokatives Argument, da es die klassische Sozialpolitik aus einer konsequent ökonomistischen Perspektive kritisiert).
  2. Jonathan Gruber/Maria Owings (1996): Physician Financial Incentives and Cesarean Section Delivery. In: The RAND Journal of Economics 27(1), 99-123 (Grundlagenartikel der auf Basis eines Prinzipal-Agenten-Modells die These vertritt, dass Ärzte in einem Umfeld von fallenden Geburtenraten ihren Patientinnen weitaus eher zu kostenträchtigen Geburten per Kaiserschnitt raten. Aus gesundheitspolitischer Sicht folgert der Artikel, dass eine rückläufige Demographie Verhaltensanpassungen ökonomisch motivierter Akteure hervorruft, die konträr zum gesundheitlichen Ideal stehen und damit allgemeine Risiken durch Ausnutzung privilegierter Informationslage erhöhen.)
  3. Sofia Amaral-Garcia/Paola Bertoli/Jana Friedrichsen/Veronica Grembi (2016): Haftplichtregelungen auf Krankenhausebene können ärztliches Handeln beeinflussen und Kaiserschnittraten senken. In: DIW-Wochenbericht Nr. 43, 1035-1043 (Am Beispiel einer Fallstudie in einem italienischen Krankenhaus wird dargelegt, dass die Einführung einer rigiden Haftpflichtregelung auf Krankenhausebene dazu führt, medizinisch unnötige Geburten per Kaiserschnitt zu verringern und somit auch die gesundheitlichen Folgekosten abzusenken. Angesichts wachsender Rentabilitätskriterien in privat geführten Krankenhäuser bei gleichzeitigem Kostendruck im Gesundheitswesen hat dieser Beitrag hohe Relevanz.)
Energiepolitik
  1. Wokje Abrahamse/Linda Steg/Charles Vlek/Talib Rothengatter (2005): A Review of Intervention Studies Aimed at Household Energy Conservation. In: Journal of Environmental Psychology 25(3), 273-291, DOI: 10.1016/j.jenvp.2005.08.002 (Übersichtsstudie, die diverse Fachartikel hinsichtlich der Fragestellung untersucht, ob Verbraucher ihren privaten Energieverbrauch senken, wenn sie einer Verhaltenssteuerung unterliegen. Während eine bessere Informationslage der Individuen zwar das Umweltbewusstsein erhöhe, führe dies nicht zwangsläufig zu einer Änderung des persönlichen Energieverbrauchs. Positive Anreize wie Belohnungen können einen Effekt ausüben, dieser ist jedoch nicht von Dauer, wenn er nicht durch eine begleitende Architektur unterstützt wird. Der Artikel resümiert die Studienlage mit der Feststellung, dass Interventionen hinsichtlich ihrer Zielerreichung besser geplant und arrangiert werden müssten, um tatsächlich zu einem nachhaltigen, ressourcenmindernden Energieverbrauch zu gelangen.)
  2. Peter Newell/Matthew Peterson (2012): Climate Capitalism. Global Warming and the Transformation of the Global Economy. New York/Cambridge: Cambridge University Press (Während die globale Erderwärmung heute als ein drängendes umweltpolitisches Problem anerkannt ist, steht deren Umsetzung nicht zuletzt vor gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Herausforderungen. Wie sollen sich Unternehmen an die veränderten Marktbedingungen anpassen? Ist es überhaupt ausreichend, das Problem der Erderwärmung nur aus einer ökonomischen Perspektive zu beurteilen? Die Autoren geben in diesem Buch einen Überblick über die zugrunde liegende Begriffsgeschichte und resümieren ihre Argumentation im Konzept des „Klimakapitalismus“, also einer Wirtschaftsform, die die Anforderungen der Erderwärmung ökonomisch umsetzt und zu marktgängigen Prozessen zu transformieren sucht. Dabei verweisen die Autoren auf die ungleiche Verteilung des Energiekonsums und das Problem energiearmer Haushalte bei gleichzeitig wachsendem Verbrauch. Ihrer Argumentation zufolge ist das Denken heute noch zu kurzfristig und vor allem gewinnorientiert und kann daher nicht adäquates Handeln hervorrufen.)
Beiträge aus der Gesetzgebung und Policy-Paper
  1. Bundesregierung (2016): Deutsche Nachhaltigkeitsstrategie. Neuauflage. Berlin.  (Offizielles Bekenntnis der Bundesregierung zur Einhaltung bestimmter Nachhaltigkeitsziele.)
  2. The White House (2015): Executive Order – Using Behavioral Science Insights to Better Serve the American People. Office of the Press Secretary, Washington D.C. (Von der Obama-Administration herausgegebener Erlass, der die Anwendung von verhaltenswissenschaftlichen Erkenntnissen in der Politikformulierung offensiv befürwortet und diese in den Kontext des Gemeinwohls rückt.)
  3. Organisation for Economic Co-operation and Development (2014): Regulatory Policy and Behavioral Economics. OECD Publishing, Paris (Arbeitspapier der OECD, das die Anwendung verhaltenswissenschaftlicher Steuerungsformen in die öffentliche Politikformulierung auflistet und weitergehende Umsetzungsvorschläge unterbreitet.)