Der Workshop „Politik mit dem Verbraucher“ führte Vertreterinnen und Vertreter aus Wissenschaft, Verbraucherpolitik und Wirtschaft zusammen. Dadurch wurden verschiedene Perspektiven auf das dynamische Forschungsprogramm der Verbraucherforschung gerichtet. Am Ende zeichnete sich ab, dass es nicht eine Perspektive auf das Akteurhandeln in der Verbraucherpolitik geben kann und dass Verbraucherforschung und -politik enge Wege gehen sollten, um die aktuellen Veränderungen einzuordnen.

Der Workshop wurde mit einem Vortrag von Holger Straßheim (Universität Bielefeld) eingeleitet. Straßheim fragte allgemein nach der Rolle verhaltenswissenschaftlicher Erkenntnisse für die Verbraucherpolitik. Nach einer Vorstellung zentraler Akteure, Begriffe und verwendeter Methoden fokussierte Straßheim auf eine spezifische Akteurkonstellation innerhalb der Verbraucherpolitik, die er mittels Netzwerkanalyse abbildete. Insgesamt sah Straßheim weiteren Forschungsbedarf was die Anfälligkeit politischer Partizipation seitens der Verbraucher für manipulative Aufbereitung von verhaltenswissenschaftlichen Erkenntnissen abelangt. Zudem müsse die Akteurkonstellation von einer interpretativen Ausdeutung möglicher Verbrauchdiskurse begleitet werden. Und schließlich existieren Vorgänge wie das „Nudging“ quer über verschiende Politikfelder hinweg, sind also nicht allein auf die Verbraucherpolitik begrenzt. Hier gelte es, ihre Langzeitwirkungen und ihren Einfluss auf das Handeln der Verbraucher zu untersuchen.

Im Anschluss stellte Kathrin Loer (FernUniversität in Hagen) Ergebnisse aus dem Forschungsprojekt IniVpol vor. Hierbei richtete sie den Fokus auf Alltagswelten und Konsumentscheidungen der Verbraucher. Nach einer Einführung des bislang verwendeten Instrumentenmixes in der Politik (es wurden autoritative Mechanismen von Anreizen, Informationen und Organisation unterschieden), wurden die vorherrschenden Adressatenvorstellungen thematisiert. Derzeit herrsche kein einheitliches Akteurbild/Verbraucherbild vor. Vielmehr habe es die Politik mit unterschiedlichen Zuschreibungen zu tun, die je nach Handlungskontext variierten. Der Einsatz von verhaltenswissenschaftlicher Expertise müsse daher die variierenden Adressatenbilder problematisieren und Bedingungen freilegen, unter denen bestimmte Bilder gegenüber anderen dominieren und so auch die Wahl von Instrumenten spezifizieren. Loer bezeichnete den Umstand der verschiedenen Wirkungsweisen als „behavioural spin“, das heißt, bereits genutzte Politikinstrumente würden durch verhaltenswissenschaftliche Expertise informiert und dadurch in ihrem Effekt beeinflusst. Loer demonstrierte dies an der Besteuerung des Zuckerkonsums in den USA und Großbritannien und aktuellen Methoden zur Reduktion des Energieverbrauchs in Privathaushalten.

In seinem Koreferat führte Max Vetter (ConPolicy, Berlin) Beispiel verhaltenswissenschaftlicher Erkenntnisse aus den Bereichen Mietpreisregulierung und Verbraucherberatung an. Die „Mietpreisbrmese“ ist angesichts der öffentlichen Debatte um die Beschaffung von bezahlbarem Wohnraum, insbesondere in Großstädten, ein Thema, für das verhaltenswissenschaftliche Erkenntnisse möglicherweise handlungsleitend wirken können. Vetter führte aus, dass auch hier nicht von einem einheitlichen Adressatenverständnis ausgegangen werden können. Entgegen den Erwartungen der Politik, wonach Mieter vom Instrument der Informationsbeschaffung Gebrauch machen würden, wäre der umgekehrte Fall Realität: eher emotional agierende Mieter begegnen kalkulierenden Vermietern, sodass die Spannung zwischen beiden Seiten nicht durch Konsens aufgelöst werden kann. Die Miete als Dauerschuldverhältnis auf einem (knappen) Angebotsmarkt bleibt ein Rechtsverhältnis, das im Einzelfall eine Machtasymmetrie wiederspiegelt, die nicht durch Information beseitigt werden kann. Die anschließende Diskussion unterstrich diesen Punkt besonders.

Auch im zweiten Beispiel, der quartiersspezifischen Inanspruchnahme von Verbraucherberatungsangeboten, spiegelte sich eine räumliche Asymmetrie, wie sie bereits mit der Verteilung von Wohnraum einhergehe. Menschen mit geringen Einkommen machten weniger von Beratungsangeboten Gebrauch denn sozioökonomisch Bessergestellte. Doch auch die räumliche Präsenz von Verbraucherberatungsstellen erweise sich als Zugangshürde: wenn diese nur im Zentrum der Stadt oder in Vierteln mit hohem Sozialprestige situiert sei, würde diese weitaus geringer von sogenannten „verletzlichen Verbrauchern“ aufgesucht, als wenn diese vor Ort Präsenz zeigten. Die bauliche Infrastruktur erweise sich damit einmal mehr als Faktor der Reproduktion von sozialer Segregation, dem durch spezifische Intervention begegnet werden müsse.

Im zweiten Themenblock des Workshops wurden dann unter Moderation von Annette Töller (FernUniversität in Hagen) Politikvorschläge und mögliche Umsetzungshürden diskutiert. In einem ersten Statement äußerte Nils Lau die Perspektive des Bundesverbandes der deutschen Industrie, derzufolge Verbraucherpolitik vorrangig durch ein gemeinsames Interessen an qualitativ hochwertigen Produkten gekennzeichnet sein müsse. Abweichungen von der Qualität wie im Falle des „Diesel-Skandals“ würden nicht darüber hinwegtäuschen, dass Forderungen nach nachhaltiger Produktion inzwischen zum Standard des Verbraucherhandelns geworden seien und eben nicht nur Reaktion auf einzelne medienrelevante Ereignisse sei.

Helga Zander-Hayat von der Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen widersprach dieser Sichtweise unter Hinweis auf einen alten Interessenkonflikt zwischen Verbrauchern und Industrie. Dieser würde durch neue Erscheinungen im Zuge der Digitalisierung der Wertschöpfung und der Verlagerung des Verbraucherhandelns in Internet und soziale Medien nur formverändert. Da es bis dato jedoch an politischen Mehrheiten zur breiten Berücksichtigung von Verbraucherinteressen mangele, seien allenfalls Kompromisslösungen denkbar. Auch der Rückgriff auf Expertenwissen und Elemente der Selbstregulierung durch freiwillige Vereinbarungen seien nur begrenzt wirksam. Diese böten Anreize zum Trittbrettfahren und könnten ökonomische Interessen im Einzelfall nicht überwiegen.

Aus wissenschaftlicher Sicht kommentierte Katharina T. Paul (Universität Wien) diese Entwicklungen mit Blick auf die Regulierung individuellen Gesundheitshandelns. Für effektive politische Interventionen sei das „Framing“, das heißt, die Rahmung einer öffentlichen Debatte mit entsprechenden Pro- und Contra-Darstellungen zentral. Diese könnten im Einzelfall gesetzliche Verpflichtungen dadurch überwiegen, dass sie persönliche Zustimmung und dadurch eine Internalisierung von politischen Zielen hervorrufen könnten. Die Debatten über eine Impfpflicht und Organspende seien dafür aktuelle Belege.

Im anschließenden Plenum standen zwei Aspekte im Vordergrund: wie ein wie auch immer beschaffenes Gemeinwohl durch die Verbände unter sich verändernden Umweltbedingungen repräsentiert werden kann und inwiefern die verhaltenswissenschaftliche Expertise Eingang in die Problemkonzeption der Verbände genommen hat. Während auf Seiten des BDI noch keine explizite Beschäftigung mit den Verhaltenswissenschaft stattfindet und dabei auf die Heterogenität der zu vertretenen Interessen und damit die Bandbreite an Themen und eine Offenheit für künftige Entwicklungen verwiesen wurde, sieht dies bei den Verbraucherzentralen anders aus. Hier wurden vor allem auf die vergleichsweise geringe Mittelausstattung zur Umsetzung von Grundlagenforschung, die nicht immer problemfreie Zusammenarbeit mit der Politik in Fragen der Repräsentation von Verbraucherinteressen und schließlich auch die Orientierung auf einen Kern an Mitgliederinteressen betont. Auch das Gemeinwohl habe die Verbraucherzentrale als Verband der Verbände an die Interessen der Verbraucher und Konsumierenden rückzukoppeln. Ob dies angesichts veränderte Konsummuster und einer sich ausdifferenzierenden Verbändelandschaft durchhaltbar bleibt, war eine offene Frage.

Im Ergebnis formulierten die Teilnehmenden drei Anregungen, wie die Verbraucherforschung, verbraucherpolitische Debatten und Verbraucherleitbilder künftig zu problematisieren wären:

  • Durch eine Integration von Verbraucherpolitik in bestehende Forschungsprogramme. Das heißt, dass subjektive Divergenzen auf Ebene der Forschenden und objektive Begrenzungen auf Ebene der Forschungskooperation durch Brückenschlag überwunden werden müssen; eine Plattform hierzu böte die Digitalisierung und damit einhergehende Veränderungen der Kontextbedingungen von Verbraucherforschung, diese müsse dafür mehr empirische Forschung vorhalten, bevor theoretische Rückschlüsse gezogen werden könnten.
  • Durch eine Auflösung von widersprüchlichen Verbraucherbildern. Das heißt, dass etwaige Zielkonflikte zwischen Politikzielen und den Adressaten theoretisiert werden müssten. Auch sei die Legitimation eines je vorgestellten Verbraucherinteresses situationsspezifisch zu begründen, interdisziplinäre Ansätze (z.B. auch aus der Philosophie) zu suchen und normative Debatten rund um die Auswahl von Instrumenten explizit zu führen.
  • Schließlich müsse das Bild eines multiplen Verbrauchers in den Vordergrund rücken. Das heißt, dass unterschiedliche Rollen und die Einbindung von Verbrauchern in variierende räumliche, soziale und zeitliche Handlungskontexte zu beachten seien. Insbesondere auf den ersten Blick widersprüchlich erscheinende Handlungen müssten dafür nicht nur als Hürde oder Problem konzeptualsiert, sondern als komplexe Realität einer vielfältigen Gesellschaftsordnung begriffen werden. Da jede Person in irgendeiner Weise auch als Verbraucher auftrete, müsse die Politik von einem starren Verbraucherbild Abstand nehmen.

 

Weiterführende Literatur:

  1. Holger Straßheim (2019): New Forms of Policy Expertise. In: Dagmar Simon/Stefan Kuhlmann/Julia Stamm/Weert Canzler (Hrsg.): Handbook on Science and Public Policy. Northampton: Edward Elgar (im Erscheinen)
  2. Holger Straßheim (2018): Verhaltenspolitik im Wohlfahrtsstaat: Zur Mikrofokussierung in der Sozialpolitik(forschung). In: Sozialer Fortschritt 67(8-9), S. 759-782
  3. Kathrin Loer (2019): The Enzymatic Effect of Behavioural Sciences – What About Policy-Maker’s Expectations? In: Silke Beck/Holger Straßheim (Hrsg.): Handbook of Behavioural Change and Public Policy. Northampton: Edward Elgar (im Erscheinen)
  4. Kathrin Loer/Alexander Leipold (2018): Varianten des Nudgings? Verhaltenswissenschaften und ihr Einfluss auf politische Instrumente. In: Vierteljahreshefte zur Wirtschaftsforschung 87(1), S. 41-63
  5. Christian Thorun/Max Vetter (2016): Mietpreisbremse: Wissen, praktische Hürden und Befürchtungen von Mieterinnen und Mietern. ConPolicy. Institut für Verbraucherpolitik, Berlin. Faktenblatt erstellt im Auftrag des Bundesministeriums für Justiz und für Verbraucherschutz
  6. Max Vetter/Christian Thorun (2017): Verbraucherberatung im Quartier. Evaluationsbericht 2017. ConPolicy. Institut für Verbraucherpolitik, Berlin. Studie im Auftrag der Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen
  7. Bundesverband der Deutschen Industrie e. V. (2017): Verbraucherpolitik. Handlungsempfehlungen der Deutschen Industrie für die 19. Wahlperiode des Deutschen Bundestages. Positionspapier, Berlin
  8. Katharina T. Paul/Iris Wallenburg/Roland Bal (2018): Putting Public Health Infrastructures to the Test: Introducing HPV Vaccination in Austria and the Netherlands. In: Sociology of Health & Illness 40(1), S. 67-81
  9. Katharina T. Paul (2016): „Saving lives“: Adapting and Adopting Human Papilloma Virus (HPV) Vaccination in Austria. In: Social Science & Medicine 153, S. 193-200
  10. Kompetenzzentrum Verbraucherforschung NRW (2017): Jenseits des Otto Normalverbrauchers: Verbraucherpolitik in Zeiten des „unmanageable consumer“. Thesenenpapier des KVF NRW 10. Oktober, Düsseldorf: Verbraucherzentrale NRW